Offener Brief zur „größten NDR-Produktion aller Zeiten“

10 November: „Der Tag der Norddeutschen“

Lieber NDR,

wir sind tief enttäuscht. Wir dachten immer, Norddeutschland mit seinen internationalen Hafenstädten wie Hamburg und Bremen wäre weltoffen. Und dann das? Ihr porträtiert am 10. November, dem „Tag der Norddeutschen“, 121 Norddeutsche. An diesem Tag wollt ihr uns auf allen Wellen einen ganzen Tag lang erzählen, wie Norddeutschland tickt. Aber ach: Eure Uhr ist vor vielen Jahren stehengeblieben.

Ihr schafft es, unter den 121 Menschen, die ihr uns vorstellt, (mit Ausnahme eines Bremer Bäckers, eines Hannoveraner Musikers und eines Hamburger Kaffeeverkäufers aus der Karibik („eine Frohnatur aus Barbados“ (NDR-O-Ton) ) nicht eine Person mit erkennbar außer-europäischem Migrationshintergrund zu zeigen. Das muss man erst mal schaffen! Gibt es in Eurer norddeutschen Welt keine weiteren Muslime, keine Menschen, deren Wurzeln in Asien oder Afrika liegen, niemand aus dem Iran, Ägypten, China oder Japan, die schon lange hier leben und die unser a l l e r Norddeutschland bereichern? Habt ihr unter euren Gebührenzahlern keine Zugewanderten? Habt ihr noch nie davon gehört, dass etwa jeder fünfte in Norddeutschland einen Migrationshintergrund hat? Ihr müsst nicht alle porträtieren, aber der eine oder andere würde sich schon lohnen.

Kennt ihr nicht Feridun Zaimoglu oder Fatih Akin und all die anderen. Wir könnten euch die Adressen geben. Nicht wenige sagen schmunzelnd von sich selbst: Wir sind Deutscher als die Deutschen. Wenn eure Auswahl Norddeutschland sein soll – dann müssen wir euch sagen – dass wir in einem anderen Norddeutschland leben. Eure Provinzialität ist euch übrigens nicht in die Wiege gelegt: Schaut euch mal um beim britischen BBC, eurem Geburtshelfer nach dem Krieg, auf den ihr euch gern beruft und auf den sogar der Name der Straße zurück geht, an der euer großer Hamburger Sender liegt (Hugh-Greene-Weg). Dort macht man sich seit Jahrzehnten Gedanken über die Aufgabe eine „öffentlich-rechtlichen“ Rundfunks in einer offenen Gesellschaft. Dabei hat der NDR 2008 die "Charta der Vielfalt" unterschrieben. Dort stehen so schöne Sätze drin wie: "Der NDR ist ein Sender für a l l e Menschen, primär in Norddeutschland." Für den NDR stellt "die Ansprache von Menschen mit Einwanderungsbiografie einen Teil seiner Programmarbeit" dar. Zukünftig soll "die ethnische und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft" in den NDR Programmangeboten stärker abgebildet werden. Ruft uns einfach an, wenn ihr mehr wissen wollt. Recherchiert, es lohnt sich.

Worum geht es: Am 10. November begeht der NDR auf vielen seiner Sendeplätze den „Tag der Norddeutschen“, die „größte Doku des Nordens“, so die Eigenwerbung. Dazu werden 121 Norddeutsche porträtiert, von der Hebamme bis zum Kaffeeverkäufer, dem Arzt bis zu einem Chefredakteur. Allerdings sind unter den „Protagonisten“ bis auf einen Mann aus der Karibik, einen Bremer Bäcker und einen Hannoveraner Musiker mit türkischen Wurzeln kaum Menschen mit erkennbarem nicht-europäischen Migrationshintergrund. Muslime kommen also fast nicht vor, Schwarze gar nicht, Zugewanderte aus Asien (Indien, China, Japan etc.) ebenfalls nicht. Das entspricht ziemlich exakt der Zusammensetzung des Rundfunkrats des NDR. Dort „repräsentieren 58 Frauen und Männer die norddeutsche Öffentlichkeit“ (O-Ton NDR), von denen nur eine einzige Person erkennbar Migrationshintergrund hat, die Politikerin Aydan Özogus (SPD). In Norddeutschland haben mindestens 20 Prozent der Einwohner (und letztlich auch Gebührenzahler) einen Migrationshintergrund.

Verantwortlich: iMiR – Institut für Migrations- und Rassismusforschung, Dr. Andreas Hieronymus. Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg, Tel.: 040/413 696 18, e-mail: hieronymus@imir.de

Unterzeichner_innen:

1. Mostafa Morid, Vorstandsmitglied: Bund Iranischer Vereine Hamburg, Mitglied des Integrationsbeirates, Vorstandsmitglied: Deutsch-Iranischer Akademiker Club e.V., Vorstandsmitglied: Verein zur Verteidigung der Menschenrechte und Demokratie e.V.

2. Cora Barrelet, Lehrerin, Pinneberg

3. Prof. Dr. Ursula Neumann, Universität Hamburg

4. Prof. Dr. Wolfram Weiße, Universität Hamburg

5. Dr. Dagmar Knorr, Universität Hamburg, Schreibwerkstatt Mehrsprachigkeit

6. Dr. Katja Francesca Cantone-Altıntaș, Professorin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Duisburg-Essen, wohnhaft in Hamburg.

7. Maryam Anwary, Hamburg (Harburg), Gymnasiallehrerin, Gymnasium Süderelbe

8. Laya Zoroofchi

9. Ivona Mekis

10. Vorstand der Werkstatt 3, Hamburg

11. Edgar Mebus, Hamburg

12. Armin Kretschmann, Mölln, Dipl. Pädagoge